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THEMA: Halbe Häuser

THEMA: Halbe Häuser
Startbeitrag
Lio - 11.12.24 22:55
Hallo,

wir kennen das von den Halbreliefhäusern für den Hintergrund.

Erstaunt war ich heute morgen, als ich in Schöneberg in natura ein halbes Haus entdeckt habe:
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Von leicht anderer Perspektive sieht man, dass es in geringem Abstand zum Haus dahinter steht:
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Ich kann nicht in diesen Hinterhof: sind dort Fenster? So schmal, wie das Haus ist, wohl nur Nebenfenster (Bad, WC, Flur)?

Einmal aufmerksam, entdeckte ich gleich noch so ein Haus:
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Also: wer die Reliefhäuser platzsparend auch im Mittelgrund einsetzen möchte, hat hier die Rechtfertigung.

Viele Grüße
Frank

Die von Lio zu diesem Beitrag angefügten Bilder können nur von registrierten Usern gesehen werden - Login


Hallo,

interessanter Fund. Das gibt es auch in Leipzig, direkt neben dem Uniklinikum:
https://www.google.de/maps/@51.3318715,12.38406...IKXMDSoASAFQAw%3D%3D

Viele Grüße
Rico
Hallo,

das dürften häufig noch folgen des Krieges sein. Es waren vermutlich Hinterhäuser und der heutigen "Rückseite" waren ebensolche Baute nur andersherum angebaut. Teilweise wurden diese wegsaniert um Freiraum zu schaffen

Viele Grüße
Christian
Hallo Christian,

das war meine erster Gedanke. Aber auch dann würde die Darstellung zumindest für die Epochen III ff realistisch sein.

Auf dem zweiten Foto siehst du, wie eng die Rückseite am gegenüberliegenden Gebäude steht. Es fällt mir schwer zu glauben, dass da noch eine ehem. zweite Hälfte war. Und waren die Häuser architektonisch (statisch) von Anfang an so gebaut, dass man einfach eine Hälfte mit Bombenschäden abreißen kann? Es wären dann zwei Halbhäuser mit doppelter Wand in der Mitte gewesen, wäre hätte diesen zusätzlichen Aufwand spendiert?

Hier https://maps.app.goo.gl/Bzq61b7gRMGTK4HB7 ist die fragliche Stelle. Wo der Baum steht, könnte in dieser Lücke und parallel nach unten die andere Haushälfte gewesen sein, an der Innenecke hätte es dann das typische "Berliner Zimmer" gegeben. Fällt mir trotzdem schwer zu glauben, weil der Innenhof dann verdammt schmal und dunkel gewesen wäre - die fehlende Hälfte hätte Fenster nur zum schmalen und folglich dunklen Hof gehabt. Wenn man rechts schaut, sieht man noch erhaltene Karreés mit deutlich großzügigeren Innnhöfen.

Hier https://maps.app.goo.gl/T288y3Cts4DqUH61A hört spätestens mein Glaube an ehem. Hälften auf: die gesamte senkrechte Linie  besteht aus Halbhäusern und die zwischendurch platzierten Häuser quadratischen Grundrisses, die die Höfe abgrenzen, wären bei den "fehlenden" Halbhäusern im Weg.

Ich glaube wirklich, dass die Halbhäuser systematisch so gebaut wurden und es Mindeststandards auch im Kaiserreich für die Hinterhöfe der Mietskasernen  gab (Weite, Licht, Luft).

Viele Grüße
Frank
Guten Morgen Frank,

ich würde mal "von der anderen Seite gucken"...

Das, was früher der Stadel, der Stall oder die Hinterhofwerkstatt war, mit der die Grenze zugebaut wurde, sind in heutiger Zeit des Wohnungsmangels stattdessen Wohngebäude.
In deinem 2. Link ist klar zu erkennen, dass die Gebäude auf der rückseitigen Grenze der Anwesen an der Straßenfront stehen, die "fehlende Hälfte" also im Hinterhof der dahinter liegenden Anwesen liegen würde. Man erkennt es, wenn man sich den Versatz der Grenzen zwischen den 2 Straßenfronten betrachtet. Auch die Längenausdehnung der Gebäude entspricht immer der Länge des "Haupthauses" (bzw. Grundstücks) an der Straße zu dem die "noch stehende Hälfte" zeigt.

Gruß
Roger


Hallo Frank,

ich denke, dass diese "Halbhäuser" an der Grundstückgrenze standen. Architektonisch wurden sie ja schon - abgeleitet oder weiterentwickelt aus den alten Hofremisen - häufig in Hinterhöfen gebaut. Dort standen sie dann Rücken an Rücken. Aus Gründen des Brandschutzes durften sie an der - naturgemäß fensterlosen - Rückseite keine gemeinsame tragende Wand haben. Daher konnten nach dem Krieg auch einige dieser Halbhäuser weggerissen werden, ohne dass die danebenstehenden Häuser mit abgerissen werden mussten. So blieben nach dem Krieg eine ganze Reihe dieser Halbhäuser alleine stehen.

Die Größe der Innenhöfe bemaß sich in Berlin nach dem Drehkreis der Feuerspritzen. Die waren zwar pferdebespannt, wurden aber in den Innenhöfen per Hand bewegt. Daher waren die Innenhöfe in Berlin auch sehr eng.

"Dein" Halbhaus steht aber in Schöneberg. [Exkurs für Nichtberliner: Schöneberg war bis zur Gründung von Groß-Berlin 1920 eine eigene kreisfreie Stadt und ist heute Teil eines Berliner Bezirks.] Schöneberg hatte eine eigene Bauordnung und auch eigene Brandschutzbestimmungen, angelehnt an die des Kreises Teltow. Das kann man auch heute noch sehen, wenn man z.B. die Anzahl der Stockwerke der Altbauten in den einzelnen Städten (z.B. Lichtenberg, Schöneberg,  Charlottenburg,  Köpenick oder Wilmersdorf) vergleicht.

Kurz: Ich denke, dass "Dein" Halbhaus keinen "Gegenpart" hatte. Dass es - wie z.B. in Köpenick-Friedrichshagen - auf dem Standort einer alten Remise gebaut wurde, glaube ich auch nicht, dafür ist Schöneberg schlicht zu jung. Ich denke, es stand oder steht noch an einer Grundstücksgrenze. Das Grundstück war dann schlicht für ein "ganzes" Hinterhaus zu klein.

Viele Grüße
Fred

Hallo Frank und Roger,

auf Licht, Luft und Sonne wurde bei den Bauten, die um die Jahrhundertwende 1800 zu 1900 (Gründerzeit) gebaut wurden nicht geachtet.  Hauptsache war, viele Wohnungen auf wenig Raum.

https://de.wikipedia.org/wiki/Mietskaserne

Einen Eindruck von der Enge kannst Du bekommen, wenn Du Dir die Bilder von den Häusern in der Ackerstraße ansiehst. Dabei musst Du berücksichtigen, dass das schon alles jetzt im Hochwertigen Zustand saniert ist.

https://berlin.sehenswuerdigkeiten-online.de/verborgen/hinterhoefe.html

Die Bauten teilten sich in das Hauptgebäude zur Straße, dann hinten die Seitenflügel und parallel zum Hauptgebäude das Quergebäude. Daraus bildete sich der Hinterhof. Hier ging es dann oft über mehrere Hinterhöfe nacheinander. Die von Dir gezeigten Gebäude dürften typische ehemalige Seitenflügel sein, die nach einer Sanierung übrig geblieben sind.

Meine Angaben beziehen sich nur auf Berlin. Es dürfte aber in Städten wie Hamburg oder München ähnlich gewesen sein.

Viele Grüße
Christian
Hallo,
diese halben Häuser sind, wie Fred schon richtig beschrieben hat, insbesondere für Berlin, aber auch für andere Großstädte völlig normal und ein gewohnter Anblick.
Bei den Berliner Mietskasernen wurden die Grundstücke optimal ausgenutzt, vorne zur Straße gab es das Haupthaus mit der Durchfahrt und den besseren, teureren Wohnungen, nach hinten schlossen sich dann links und rechts die zwei Nebenhäuser, quasi als halbe Häuser wie im Bild zu sehen, zum Hinterhof hin belichtet, mit den typischen "Berliner Zimmern" in den Ecken an.
Dahinter kam dann das Hinterhaus parallel zum Vorderhaus. Oftmals hatte das dann auch wiederum eine Durchfahrt in den zweiten Hinterhof, wiederum mit Neben- und Hinterhaus, und das setzte sich gerne weiter fort. Bis zu 8 Hinterhöfe hintereinander waren keine Seltenheit. Je weiter hinten, desto günstiger und schlechter die Wohnqualität...

Und wenn auf dem Nachbargrundstück jetzt kein Hinterhaus, oder nur niedrige Ställe oder Werkstätten errichtet wurden, stand da halt seit immer das hablbe Haus in der Landschaft herum.

By the way habe ich so etwas tatsächlich schonmal im Modell umgesetzt, bin jetzt nur leider im Büro, deshalb gerade kein Bild davon zur Hand.

Gruß,
Markus
Kleiner Nachsatz: Auf Deinem zweiten Bild kann man einen Spielplatz sehen. Da wurde wahrscheinlich im Krieg das Eckhaus weggebombt. Dort waren dann in den 50-er Jahren häufig Kohlenhändler zu finden. Ab den 70- und 80-gern (Umstellung auf Gasheizungen) wurden dann in den Berliner Innenbezirken dort häufig Spielplätze angelegt. Das wird wahrscheinlich der Grund sein, dass man heute von der Straße auf das Halbhaus sehen kann.
Grüße
Fred
Hallo Frank, Roger, Markus,

es kann sein, dass dort, wo jetzt der Spielplatz ist, ein Eckgebäude stand, das an alle drei Brandmauern, die auf Franks Bildern #0  zu sehen sind, verbunden hat. Dann wäre das Halbhaus mit einem Quergebäude verbunden gewesen.

Tipp: Es gibt beim Tagesspiegel Luftaufnahmen Berlins von 1928. Dort kann man zwischen 1928 und jetzt hin und her schieben, um zu vergleichen. https://1928.tagesspiegel.de/

Lieber Frank,

Du trittst aber auch Diskussionen los. Mein lieber Herr Gesangsverein! Klasse! Weiter so!

Viele Grüße
Fred
Hallo Zusammen,

vielleicht noch einen kleinen "Zusatz": Im Krieg mussten in den Keller die Brandmauern jeweils zum Nachbarhaus geöffnet werden. Die Kewller dienten oft dem Schutz vor Bomben. Wenn dann ein Haus getroffen wurde, konnten die Bewohner über diese Fluchtwege die Keller verlassen.

Als Kinder für uns später eine willkommene Spielwiese um sich zu versecken und eventue einige Häuser weiter wieder herauszukommen (wenn dann hoffentlich die andren Kellerzugänge offen waren ).

Viele Grüße
Christian
Hallo Frank,
wie gesagt: Du hast da wirklich etwas Interessantes ausgegraben. Die Grundstücke lagen gegenüber des Abzweigs zwischen Berliner Südring und der Spitzkehre Richtung Potsdamer Bahnhof ("Cheruskerkurve").

In der Luftaufnahme von 1928 kann man sehen, dass "Dein" Halbhaus ein übriggebleibener Teil einer ehemals größeren Bebauung ist. Nördlich stand es mit der Brandmauer am Teil des Rückens des Quergebäudes Leberstraße 77 (heute eine Baulücke). Nordöstlich stand es ebenfalls mit dem Rücken an einem Quergebäude, das zum heutigen Grundstück Gustav-Müller-Straße 24 gehörte.
Südlich schloß sich das Grundstück der heutigen Leberstraße 83 (heute auch ein Leergrundstück) an. Ob es Anschluss an die Quergebäude Leberstraße 83 und Gustav-Müller-Straße 25 hatte, lässt sich schwer sehen, ist aber wahrscheinlich.
Ergo: Dein Halbhaus war ziemlich eingebaut. Nördlich stand ebenfalls ein "Halbhaus", auf dessen Brandmauer die Bewohner "Deines" Halbhauses nach rechts schauen konnten.
Alle Häuser südlich "Deines" Halbhauses - Zwei Eckhäuser, drei Häuser mit Straßenfronten, mindestens zwei Quergebäude, aber keine Hinterhofgebäude - wurden im Krieg weggebombt. Dort ist jetzt der Spiel- und Fußballplatz.
Viele Grüße
Fred
Hallo,

vielen Dank für die zahlreichen Antworten.

Euren Angaben, besonders denen von Fred, entnehme ich also
1) diese halben Häuser gibt es geplant und nicht (nur) als Kriegsschäden - der Grund mit der Grundstücksgrenze leuchtet mir absolut ein
2) sie sind entsprechend epocheneutral aufstellbar

Mein Ursprungsanliegen war, auf diesen Umstand des halben Hauses nicht nur an der Kulisse hinzuweisen als Bauanregung. Dieser ist nun also bestens durch eure Zusatzinformation belegt. Genau Fred, ein tatsächlich spannendes Thema und ich habe einiges gelernt. Wo ich es jetzt weiß, fallen mir immer mehr solche Gebäude auf ...

Vielen Dank auch Fred für den Tagesspiegel-Link. Der macht einiges aus der früheren Zeit sehr schön vergleichend sichtbar. Da bin ich gespannt, wie die S21-Verlängerung nach Süden an die Ringbahn angebunden wird. Soweit ich weiß, wird es nur noch die Kurve Richtung Papestraße, ähm Südkreuz, geben. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man die  unterirdisch bauen möchte; zwei Etagen tiefer (-1) statt früher (+1), wie soll das gehen, wenn man auf so kurzer Distanz auf die Ringbahnhöhe kommen soll. Aber ich schweife ab ...

Viele Grüße und macht ab und an mal "halbe Sachen"


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