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THEMA: Bahnerlebnisse

THEMA: Bahnerlebnisse
Startbeitrag
holreini [Gast] - 18.01.03 19:50
Hallo FreuNde,

zur Abwechslung von den vielen technischen Fragen und Antworten habe ich mal dieses Thema aufgetan. Da wir ja auch alle gern mit der Bahn fahren, soweit man sich das bei der "Mähdorn-Bahn" heutzutage überhaupt noch leisten kann, wäre es doch interessant mal etwas von Euch über bemerkenswerte Bahnerlebnisse zu erfahren.

Ich will da mal gleich den Anfang machen und eine Zugfahrt im westlichen Afrika beschreiben. Da es etwas länger werden wird, empfehle ich runterladen und dann lesen:

Vor gut zehn Jahren hatte ich wieder einmal eine Reise in den Sahel (das ist ein Bereich Afrikas, der an die südliche Sahara angrenzt) durchzuführen, und da schielt man mit einem Auge natürlich immer auf die (wenigen) Bahnen in diesem Bereich, durchweg in Meterspur. So gibt eine Strecke von Abidjan (Elfenbeinküste) nach Ouagadougou (Burkina Faso) mit seit Jahrzehnten geplanten Verlängerungen, dann das, was von den deutschen Bahnen im heutigen Togo übrig geblieben ist, sowie zwei Linien im Senegal, wovon eine von Dakar nach Bamako in Mali führt. Eine weitere geht längs der Atlantikküste nach St. Louis am Senegalfluß im Norden, nahe der Grenze nach Mauretanien.

Da ich nun von Bamako aus in den Westen des Landes Mali musste, nämlich nach Kayes, an der Bahnlinie Dakar – Bamako gelegen, beschloß ich, einen Weg nicht mit dem Geländewagen, sondern mit der Bahn zu fahren und zwar den Rückweg. Ich überlege heute noch, was wohl mühevoll war, die Auto- oder die Bahnfahrt. Da es ja die – zwar sehr oft gestörte – Bahnverbindung gab, wurde die bestehende Pistenverbindung nach Kayes völlig vernachlässigt, bis auf ein Stück vom Manantali-Stausee zu Bahnlinie, das sogar geteert ist, vielleicht inzwischen auch war. So dauerte die Autofahrt für die etwa 600 km ganze zwei Tage, während die Zugfahrt knappe zehn Stunden in Anspruch nahm.  

Soweit das Vorwort und nun das eigentliche "Bahnerlebnis":

Die Rückfahrt begann eigentlich schon am Vorabend. Da wir nicht auf einem Puffer oder Trittbrett Platz nehmen wollten, wählten wir die erste Wagenklasse. Das war nach deutschem Maßstab ziemlich billig, garantierte einen gerade noch freien Sitzplatz (der Zug kam schließlich aus Dakar) und die Übernachtung im bahneigenen Bahnhofshotel der Kategorie "halber" Stern mit voller Verpflegung (würg).

Der Zug kam am nächsten Morgen erstaunlich pünktlich (davon kann die DB nur träumen) und fuhr auch ziemlich bald mit nur ein paar Minuten Verspätung wieder ab. Der 1. Klasse-Wagen eines französischen Herstellers hatte offenbar schon bessere Zeiten gesehen. Einst war er wohl klimatisiert und die Plastiksitze erinnerten an das Flugzeug, denn die hatten wohl mal Klapptischchen am Vordersitz. Jedenfalls waren Reste davon noch sichtbar. Da die Klimaanlage wohl bereits vor längerer Zeit ihrem Geist aufgab, hatte man auf der der Sonne abgewandten Seite (also Richtung Norden) kurzerhand die (wegen der Klimaanlage nicht zu öffnenden) Fenster herausgeschlagen, aber dabei die in den Gummidichtungen verbliebenen Scherben nicht beseitigt. Vorsicht war also angesagt.

Das Schließen einer der Wagentüren gestaltete sich äußerst schwierig, da die Tür nur noch an einem Scharnier hing. Aber in Afrika ist das "n’est pas de probleme", kein Problem also, eine hilfreiche Hand ist immer da, um einzugreifen. Der Weg zur Toilette, irgendwann muß man ja mal trotz des ständigen Schwitzens, überraschte dann doch. Türschließen – mangels Schloß Fehlanzeige. Da wo früher einmal das WC-Becken stand, klaffte ein Loch im Wagenboden mit freiem Ausblick auf Schienen und Schotter. Kurt Lauterbach (ehem. Kölner Büttenredner) hätte gesagt: "Da musste besser zielen, aber donn dat mal, wenn’s dich immer hin- und herhaut. Da jeht alles vorüber, da jeht alles vorbei." Das war dann auch auf dem Fußboden deutlich sichtbar. Vom Waschbecken gab es noch geringe Reste. Das hatte wohl mal einer aus Wut über das fehlende Wasser abgeschlagen.

Aber der Zug fuhr. Zwar nicht sehr lange. Denn der Lokführer hatte mal eben einen Esel zerteilt. Zwischen den Gleisen der Kopf, am Bahndamm der Schwanz. Aber auch das kein Problem. Der Zug fuhr ein Stück rückwärts, hilfreiche Hände beseitigten den Esel – sicher schon in Vorfreude auf eine größeren Braten mit Freßorgie – und dann ging es weiter durch das endlose Buschland. Und dort wo es unlängst Buschbrände gegeben hatte, wurde der Zug in schwarze Staubwolken gehüllt, die sich natürlich auch auf unserer verschwitzten Kleidung und Haut niederließen. Schließ fuhr er ja an die 80 km/h. Kein Wunder, dass wir am Ende der Reise ein recht afrikanisches Aussehen angenommen hatten, leicht schwarz auf der Haut.

Vieles hätte man fotografieren können, wohlgemerkt hätte, denn damit u.a. das gerade   n i c h t   geschah, darüber wachten vier ausgewachsene "Schränke" in Polizeiuniform, die im Wagen verteilt ihre Plätze hatten. Aber Fotografierverbot herrscht grundsätzlich bei Bahnanlagen.

Besonders auf den Bahnstationen ergaben sich viele malerische Szenen. Dort wurden unglaublich viele Waren den Reisenden offeriert, von süßem Ölgebackenem, übelriechendem Fisch und fliegenübersätem Fleisch, über Südfrüchte und grellbuntem "Trink"-Wasser in oben zugeknüpften Plastiktüten. Aber an Getränken hatten wir keinen Mangel, denn etwa im Stundenabstand erschien ein junger Mann mit einer Cola-Kiste auf der Schulter und verkaufte Cola und Fanta in der berühmten Drittel-Liter-Afrika-Flasche und weiß der Geier wie das funktionierte, das Gesöff war sogar relativ gekühlt. Zudem war es hygienisch unbedenklich, denn aus weitverbreiteter Angst vor Gift wird in Afrika ein Flasche grundsätzlich vor den Augen des Gastes geöffnet. Eine bereits geöffnete Flasche würde kein Mensch akzeptieren.

Noch ein Wort zur Zuglok. Das war quasi ein Motor auf einem Fahrgestelle, denn sämtliche Blechverkleidungen hatte man beseitigt. Klar, dass es auch keine Türen im Führerstand mehr gab. Vom Aussehen konnte man sich gut eine V 100 im Kleinformat, da Schmalspur, vorstellen. Der übrige Teil des Zuges war nicht zugänglich, einmal wegen der drangvollen Enge in der 2. Klasse und andererseits wegen der "Polizeischränke", die eine Vermischung der Zwei-Klassen-Gesellschaften zu verhindern wussten.

So schaukelten wir (obwohl die EU im Rahmen eines Projektes die Gleise erst saniert hatte) immer weiter in Richtung Bamako, draußen flirrende Hitze, dürftiges Buschland und, wo es der Boden im teilweise steinigen Land hergab, gelegentlich ein Hirsefeld.
Gut, dass es am Ende der Reise ein Hotel mit funktionierender Dusche gab.

Seid gegrüßt von
Holger R.

He, hat keiner 'ne Story von der guten alten Bahn? Alles Autofahrer wie?  
gibt es immer noch keine aufregenden Erlebnisse mit der Bahn. Der Herr Mähdorn soll doch angeblich die Menschen zu immer neuen Freudenausbrüchen annimieren. Habt Ihr da noch nichts erlebt?

Gruß Holger
Hallo,

vielleicht erlebt keiner mehr was, weil sich heute die Leute in den Abteilen lieber anschweigen. Einer liest, einer spielt mit seinem Handy, der Dritte hört Walkman.
"Früher" (bis in die 80er?) wurde über Gott und die Welt geredet, sodaß ich schon statt in Essen erst in Münster ausgestiegen bin, weil die Gespräche so interessant waren.
Noch schlimmer sind die Grossraumwagen: da lernt man nix und niemanden mehr kennen.
Und von den tollen Dingen, die die heutige Bahn uns hinterlasst ist wenig lustig: zu kleine Gepäckablagen in den Dostos, kaum ein Zug der pünklich fährt....
Na ja, wenigstens ist das Personal freundlicher geworden, seitdem wir Kunden sind und kein "Beföderungsfall".

Peter A.
  ist ja bloß gut, daß ich nicht mehr mit der Bahn fahren muß und eigentlich auch nicht mehr will (bei den Preisen).
Aber halt: im vorletzten Winter habe ich mal den Talent ausprobiert, auf der Strecke von Meckenheim-Industriegebiet nach Bonn und zurück. Nach Bonn konnte man sogar gratis fahren, weil weder der Automat funktionierte nach ein Schaffner gesichtet wurde (den hatten sie entweder verloren oder eingespart).

Gruß Holger
Hallo,

ich fahre sogar sehr gerne Bahn! Nachdem "unsere" Bahnstrecke Borken-Essen Hbf. zum "Tarifgrenzgebiet" des Ruhr-Regionalverkehrs gehört, ist die Fahrkarte nach Essen sehr günstig. Dafür kann man nicht einmal in Essen (sechstgrößte Stadt Deutschlands) parken!
Und die U-Bahn in Essen kann ich mit der gleichen Karte auch nutzen.
Es sind zwar alte umlackierte Silberlinge, die hier fahren, aber ich liebe ja die 60er...
Die Bahnstrecke wollten die Bundesbahner schon stillegen, wie fast alles im Münsterland, und heute sind die Züge voll. Manchmal muss man sogar stehen....
Und das dolle ist: meist ist unser "Borkener" sogar pünktlich, wenn nicht gerade mal wieder die V 216 streikt....

Peter A.
@Holreini, @Peter W.
also ich fahre eigentlich auch gerne Bahn, u.a. täglich mit U- und S-Bahn zur Arbeit.
Es gibt aber Dinge, die können den überzeugtesten Bahnfahrer mürbe machen (siehe meinen Leserbrief im letzten EK auf Seite 154.
Das Personal ist wirklich viel freundlicher geworden, die übrigen Rahmenbedingungen aber nicht.
Zerkratzte Scheiben, Graffity, die nicht entfernt wird, gesperrte Türen,...
Sicher zerkratzen die Bahnbediensteten nicht selbst die Scheiben, aber die Fahrzeuge unbeaufsichtigt abzustellen, dient auch nicht der Werterhaltung.
Es würde Herrn Mehdorn sicher gut tun, auch mal mit DB-Regio zu reisen. Es muß ja kein schicker, teurer Regio-Swinger sein, ein Bn tut es ja auch!
Grüße
Klaus
Hi Leute ,

da kann ich ja mal berichten , wie ich letzten Sommer während meines Türkei-Urlaubes zum
ersten Mal mit der Bahn gefahren bin ( ich meine jetzt in der Türkei ) .
Ich war an der Schwarzmeerküste wo auch meine Frau stammt . Dort verläuft eine Bahnlinie
von Ankara über Karabük an die Küstenstadt Zonguldak . Die Strecke ist wahnsinnig geil , da
sie hauptsächlich durch das Pontische Gebirge führt .
Jedenfalls bin ich die letzten ca. 40 km mit dem Zug gefahren . Da ich weiß , daß in der Türkei
die Bahn so ziemlich das langsamste Verkehrsmittel ist , dachte ich dann auch , daß mein Zug
ziemlich leer wäre . Aber man soll ja möglichst nicht denken , da es meistens anders kommt .
Also , da kommt mein Zug mit einer sechsachsigen Diesellok mit einseitigem Führerstand und
sechs Wagen .
Ich dachte schon , soviel Zug für so wenig Reisende ? Als ich dann einstieg , mußte ich schätzen,
auf jeden Fall war der Zug zu ca. 90 % besetzt !
Die Fahrt ging dann los durch eine stark hügelige Landschaft immer weiter bergab in Richtung
Meer . Der Zug hielt auf der gesamten Strecke etwa 12 mal an , und der Fahrgastwechsel war
jedesmal imposant .
Als wir dann endlich an der ersten Stadt am Meer hielten kam ich aus dem Staunen nicht mehr
heraus : Wasserkran preußischen Ursprungs , Weichenlaternen deutschen Ursprungs ,
Lokschuppen , der auch irgendwo in Brandenburg stehen könnte , und das allerbeste , ein
HECHTWAGEN , umgebaut zu einem Mannschaftswagen in einem Bauzug .
Nach ca. 85 min Fahrzeit kam ich dann endlich in Zonguldak an mit vielen Eindrücken .
Das nächste mal will ich dann in Richtung Karabük fahren um mir die Steilstrecke dort anzusehen .
Ach ja , obwohl der Zug sehr gut besetzt war , er war fast auf die Minuten pünktlich , selbst für
deutsche Verhältnisse sauber , keine zerkratzten Fenster , keine Schmierereien und gekostet
hat die Fahrt 1 Million Lira , umgerechnet ca 60 Cent . Selbst in der Türkei ist das billig .

Gruß  Halil
...vielleicht sollte man Herrn Mehdorn und die anderen "hochrangigen Manager" und Labersäcke der DB-AG mal in die Türkei zur Schulung schicken. ich bin sicher, daß man dort auf viele Fragen, die hierzulande hochwissenschaftlich von Fachgremien diskutiert und von Wirtschaftsberatungsgesellschaften begleitet werden verblüffend einfache Antworten parat hat. Deshalb funktioniert´s dort ja auch und hier (wo man Probleme zerredet statt sie zu lösen) nicht.

Gruß, Thomas
Hallo,

ich möchte noch ein Ereignis aus dem Spt. 2002 zum besten geben:
Ich kam grade von der MoBa-Ausstellung in Völklingen, mit einem DoSto die Saarstrecke richtung Trier gefahren. Der Zug hatte erheblich verspätung und in Trier musste ich noch einen Zug die Eifelstrecke Ri. Bitburg bekommen. Also, schön auf die Ansage hören, ab zu Gl. 10 Nord. Ich kam grade aus der Unterführung, der 628 war nur noch 50m entfernt, da setzt er sich in Bewegung. Na ja, so konnte ich dann 1h die im Hbf rumgammelden Loks fotografieren.

Tobi
Ich fürchte, wir sind inzwischen wirklich ein "Entwicklungsland" geworden, was Pünktlichkeit, Sauberkeit und Kundenservice angeht. Da ich jeden Tag im Nahverkehr unterwegs bin, finde ich es abends immer ganz toll, wenn ich durch Bierlachen waten darf oder überfüllte Aschenbecher an meiner Seite habe.
Vor einiger Zeit hatte ich das Glück, mit dem Cisalpino von Stuttgart aus zu fahren. Abgesehen davon, dass er vom Design und der Bequemlichkeit her besser als der ICE ist(o.k. ist natürlich Ansichtssache), fand ich es sehr typisch, dass der Zug in Deutschland als Nahverkehrszug (ohne Aufschlag) geführt wurde. Zug Ausland - is ja nichts reelles.
Im übrigen hatte ich auch schon das Glück, in einem IC aus österreichischen Wagen zu fahren, ich würde sagen, etwas mehr Platz und die Bedienung im Speisewagen war super. Man ist ja schon erfreut, wenn sich das Personal mal um die Gäste kümmert und nicht nur mit dem Zugführer quatscht. Ich denke, die DB könnte wirklich einiges von ausländischen Bahnen lernen!
Nichts für ungut
joh
@ Holger
das ist interessant. Ich habe vor etwa 20 Jahren ein paar Eisenbahn-Unfallkrane nach Togo und der Elfenbeinküste geliefert.
Wenns mal die Gleise unterspült hatte, sind denen die Kesselwagen regelmässig aus den Schienen gesprungen. Die haben sie dann, obwohl in gutem Zustand, liegengelassen und neue beschafft. An der Strecke lagen also jetztt die Waggons rum.

Als der Kran da war, hatte er sich in ein paar Monaten amortisiert. Noch wilder ist Indien. Nur da gibt es immer fürchterlich viele Tote, weil sie wie die Trauben an den Waggons hängen.

Gruss
Cox
Danke Euch allen,

jetzt wird es richtig unterhaltsam, mal etwas abseits von der Modellbahntechnik! Ich bereite auch noch einen Beitrag über Reisen mit Deutschen Bundesbahn vor, zu einer Zeit als Reisen noch geruhsamer und genußvoller war. Aber den tippe ich außerhalb es Netzes wegen der Kosten.  

Viele Grüße
Holger (holreini)


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